Geschichte bilingual

Zum fachdidaktischen Diskussionsstand: Gelungener Geschichtsunterricht in Englisch, geht das?

Perspektivität stellt einen Grundsachverhalt menschlicher Wahrnehmung dar. Gemeint ist, dass unterschiedliche Stellungen in der Gesellschaft, unterschiedliche Sozialisationen und zahlreiche weitere Faktoren zu divergierenden Sichtweisen auf Gegenwartsereignisse führen.(1)

Der Begriff Multiperspektivität bezieht sich auf die Wahrnehmungen handelnder und leidender Menschen in verschiedenen historischen Konstellationen welche in Quellen münden, die unterschiedliche Wahrnehmungsabsichten ausdrücken.(2) Diese unterschiedlichen Perspektiven bei der Betrachtung von Geschichte führen zu Kontroversität. Auch hier resultieren die oben beschriebenen Sozialisationsunterschiede in divergierenden Wahrnehmungen. Diese Ebenen berücksichtigend, sollte im Geschichtsunterricht im Mittelpunkt stehen, dass Geschichte kein überzeitlich gültiges System narrativer Aussagen über Vergangenes ist, sondern als veränderlich und aushandelbar begriffen werden muss.(3)⁠ Dies ist der Unterschied zwischen Vergangenheit und Geschichte. Der Gegenstand des Geschichtsunterrichts sind nicht die vergangenen Ereignisse selbst, sondern der durch Menschen geleistete Prozess der Vergangenheitsdekonstruktion und -rekonstruktion.(4)⁠⁠

Geschichte trägt so der Verknüpfung der Vergangenheit mit den Umständen der Gegenwart Rechnung und erlaubt eine Orientierung für die Zukunft.(5) Für diese Aufgabe stellen die Meinungen von Zeitgenossen (Multiperspektivität) und die rückwirkende Betrachtung von historischen Ereignissen durch Historiker und Kommentatoren (Kontroversität) ein Spektrum an möglichen Einschätzungen zur Verfügung, welches es Schülern ermöglicht abwägend zu einer eigenen Einschätzung zu gelangen. Hasbergs Befürchtung, dass es im bilingualen Geschichtsunterricht zu einer „multiperspektivischen Verflüssigung der herkunftsgeprägten Werthaltung“(6)⁠ kommen kann, muss deshalb widersprochen werden. Werthaltung als essentieller Bestandteil des Identitätsbildungsprozesses gestaltet sich nicht zuletzt im Vergleich mit Fremdem.(7)⁠ Darüber hinaus stellt sich die Frage, worin in einer zunehmend pluralen Gesellschaft jene „Herkunft“ besteht. Wenn nun Kultur eine Struktur bildet, die Menschen zeitlich und sozial in eine Gemeinschaft einbindet, wobei sie sich auf die Bindung an gemeinsame Regeln und Werte und die gemeinsam bewohnte Vergangenheit stützt,(8)⁠ stellt der bilinguale Geschichtsunterricht ein Format dar, der in seiner systemischen Grundstruktur der Stereotypisierung des Fremden vorbeugen kann, indem er alternative Perspektiven auf das eigene, kulturell determinierte, Handeln aufzeigt.

Im Zuge dieses Prozesses bilden die Schüler ein wachsendes (inter)kulturelles Kapital im Bordieuschen Sinne aus,(9)⁠ welches nicht nur auf diachroner, sondern auch auf synchroner Ebene erarbeitet werden muss. Dieses strukturelle Charakteristikum bilingualen Lernens führt zu einer konsequenteren Thematisierung von Fragen der Perspektivik auf kulturell-linguistischer Ebene.
Zu diesem Thema haben sich in den letzten Jahren einige vielversprechende Ansätze entwickelt.(10)⁠ So legen Beetz, Blell und Klose für die Praxis des bilingualen Geschichtsunterrichts das Modell des kulturellen und kommunikativen Gedächtnisses nach Assmann zugrunde, welches von einer Verknüpfung einer horizontalen Ebene (der sozialen Dimension) und einer vertikalen Ebene (der Zeitdimension) ausgeht.(11)⁠ In dem so angelegte Koordinatensystem liegt das wichtigste Grundprinzip des bilingualen Geschichtsunterrichts: Den Blick der Anderen, die Tradition der Anderen und den Diskurs der Anderen in die Debatte einzubringen und so zur Diskussion des Verhältnisses zwischen dem Eigenen und dem Anderen anzuregen.(12) Gelingt es diese Kriterien zu befolgen, erfüllt die bilinguale Variante eine zentrale Forderung Pandels an zeitgemäßen Geschichtsunterricht, nämlich dass berücksichtigt werden muss, dass unterschiedliche Kulturen verschiedene kanonisierte und stark im Fluss befindliche kommunikative Gedächtnisse haben, die beachtet werden müssen.(13)⁠

Dem wird entsprochen, indem die kulturellen Gedächtnisse zweier Zielkulturen multiperspektivisch zueinander ins Verhältnis gesetzt und ihre kommunikativien Gedächtnisse auf kontroverser Ebene verglichen werden. Wie dies im konkreten Einzelfall geleistet werden kann, stellte Wildhage schon 2003 vor.(14)⁠ Vergleichbaren Vorüberlegungen folgend, geht er davon aus, dass sich Geschichtsbewusstsein aus der Pluralität unterschiedlicher Geschichtsbilder(15) entwickelt und der bilinguale Geschichtsunterricht im besonderen Maße die Möglichkeiten der Perspektiverweiterung und der Einsicht in die Standortgebundenheit der eigenen Perspektive bieten.(16)⁠ Die Überlegungen der Geschichtsdidaktiker, die sich Theorie-geleitet mit dem bilingualen Geschichtsunterricht auseinandersetzen, weisen überwiegend in diese Richtung.

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